Vier Auditionen in Watou
Unam petii a domino
”Unam petii a Domino” (Ps 26,4) , ”Eines nur erbitte ich vom Herrn“ - unter diesem Thema stehen die Auditionen des 11. Internationalen Gregorianik-Festivals 2012 in Watou. Dieses Wort aus dem 26.(27.) Psalm spricht vom Verlangen nach Gott, nach seiner Nähe, nach einer Wohnung in seinem Hause. Kurz gesagt: dieser Psalm spricht von der Sehnsucht nach einer lebendigen Gottesbeziehung. Viele Propriumsgesänge - vor allem in der Zeit nach Pfingsten - drücken einen Aspekt des Lebens mit und in Gott aus. Freudiges Loben und Danken finden wir hier genauso wie den Hilfeschrei in einer Notsituation, die Hinwendung zu Gott in Zeiten der Gefahr, die Bitte um Heilung und Erlösung. Zum Thema der Gottesbeziehung gehört auch die Sünde – die Abwendung von Gott und das Herausfallen aus der Verbindung mit ihm - und die Umkehr und erneute Hinwendung zur Mitte des eigenen Lebens. Das Buch der Psalmen ist ein Panorama der menschlichen Existenz vor dem Angesicht Gottes. Aus diesen Psalmen sind zahlreiche Texte für die gregorianischen Gesänge genommen, welchen nun das Bibelwort in Musik umsetzen und mit musikalischen Mitteln interpretieren. In den Auditionen wird den unterschiedlichen Aspekten der gesuchten, erbetenen und erlebten Nähe zu Gott nachgegangen. Die Vielfalt der Propriumsgesänge lädt zu einer musikalischen Meditationsreise in das Land der Gott verlangenden Seele ein. Ergänzt werden die Proprien durch ausgewählte Ordinariumsgesänge, die heuer erstmals am Programm der Auditionen des Festivals stehen. Sie zusammen mit ihren Tropen erklingen, welche die Fülle der Musik noch einmal erweitern und mit neuen spirituellen Aspekten bereichern. Für das Erklingen der Gesänge steht heuer erstmals das Graduale Novum 2011 zur Verfügung, ein Buch, das gemäß der Forderung des zweiten Vatikanischen Konzils die Melodien erstmals in einer „editio magis critica“ bringt, in einer kritischeren Edition von restituierten Gesängen, die so näher am Ursprung jenes Repertoires sind, welches am Anfang der europäischen Kunstmusik steht und diese bis heute prägt.
Wissenschaftlicher Leiter ist Prof. Dr. Franz Karl Prassl aus Graz